Medien: Hexenjagd auf Schweizer Komiker

8. Januar 2014 | Von | Kategorie: Medien

Zürich (den). «SRF bei den Negern», «Marco Rima reisst Neger-Witze» und die Italo-Witze des Berner Stapis: Glaubt man den Zeitungsberichten der letzten Wochen, sind in der Schweiz nur noch Rassisten auf der Cabaret-Bühne anzutreffen. Da spielt es keine Rolle, dass Alex Tschäppäts Auftritt im «Zelt» erst zwei Wochen später thematisiert wurde oder dass Rimas politisch unkorrekte Witze bereits Jahre alt sind.

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Laut den Medien muss sich die Meute empört fühlen. Koste es was es wolle.

«Da im Moment ausser dem Bäckerei-Skandal nicht viel los ist, erfährt die mediale Sittenpolizei einen Aufschwung», erklärt Medien-Experte Vincenzo Nero den Hype. Nero ist Professor für Medienethik an der Uni Zürich und plädiert für mehr Gelassenheit im Umgang mit Humor und Moral.

«Schauen wir uns doch die einzelnen Witze mal im Kontext an. Der einzige Mensch, der Tschäppät lustig findet, ist Tschäppät selbst. Darum müssen wir hier keine weiteren Worte verlieren. Marco Rima wiederum hat seine Witze im Kontext der politischen Korrektheit gestellt und die Medien fallen prompt darauf rein», so Nero weiter.

Besonders das in allen Fällen federführende Newsnet kommt beim Experten schlecht weg. «Bei der Episode des SRF mit Birgit Steinegger muss der Redaktor dem Leser im ersten Abschnitt erst einmal erklären, warum er sich über dem mittelmässigen Sketch empören soll. Damit bedient der Autor die Volksgruppe der sogenannten „Berufs-Empörten“, eine Gruppe, die nicht selbst betroffen ist, sich jedoch schnell empört», führt Nero weiter aus. «Hier erwarte ich vom kleinen Bruder von 20Minuten bessere Arbeit.»

Auch der Enthüller am Pranger

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Regula Stämpfli wollte nur im Profil abgelichtet werden.

Doch nicht nur Komiker und unlustige Stadtpräsidenten,  auch Medienhäuser sind in den Fokus der Sittenhüter geraten. Weil das bekannte Schweizer Qualitätsmagazin «Der Enthüller» in einem Artikel das Wort Hexenjagd verwendete, ist nun der Rat Schweizer Hexen (RSH) auf die Fachzeitschrift aufmerksam geworden. «Das Wort Hexenjagd bezeichnet das dunkelste Kapitel unserer Geschichte», sagt die Schweizer Oberhexe Regula Stämpfli. «Dass dieses Wort hier einfach so fahrlässig verwendet wird um Klicks zu generieren finde ich widerwärtig und abstossend.»

Auch Medien-Experte und Journalismus-Professor Vincenzo Nero ist entsetzt. «Hier lässt eine sonst hochprofessionelle Redaktion das Feingefühl vermissen. Gerade die Medien haben die Aufgabe, Sitte und Anstand hochzuhalten und sich zu empören, falls mal jemand einen Millimeter über die Linie tritt. Diese journalistische Kernaufgabe wird vom Enthüller mit Füssen getreten. Hier erwarte ich vom grossen Bruder der NZZ bessere Arbeit.»

Enthüller-Chef Buzz Orgler, Chefredaktor des Jahres 2013 und dritter bei der Mister Baywatch-Wahl 1992, war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. «Ich bin in den Ferien und lasse mir von Negern Hexen und Professoren nicht die Laune verderben.»

 Text: Pavel Kulicka, Bild: Wikimedia, Flickr – **RBC**

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Ein Kommentar auf "Medien: Hexenjagd auf Schweizer Komiker"

  1. Gusti Brösmeli sagt:

    Gibts den Artikel hier auch in lustig?

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